Der Kuckuck

Heinsberger Sagen

Auszug aus der Dorfchronik (Heinrich Lingemann und Hermann-Josef Ludwig)

 

Ein langer, strenger Winter hatte geherrscht. Der Schnee wollte im Tal und in den Rüsper Bergen nicht weichen.

Die Bewohner von Heinsberg wurden unruhig und bedrängten den Schuldheißen, doch etwas zu unternehmen.

Dieser ließ dann durch den Nachtwächter den Gemeinderat im Spritzenhaus zusammenkommen und hielt eine

Rede: "Myne loiwen Luie vamme Hoinsperge. Halwen Moi, knoidoip Schnoi. Koin Koern an der Ere, koin Spier Gras 

op der Wiese. Et giet Hunger un Kummer imme Hoinsperge. Woi Rot wait, deu lot heren." 

Einer hat einen guten Rat: "Wann de Kuckuck roipet, dann gieret Froihjohr. In Hespern doh het se Kuckucks,

doi däouget." So wurde beschlossen einen Kuckuck zu besorgen.

Zur selben Zeit hauste im Dorf ein fahnenflüchtiger hessen-darmstätischer Soldat. Für eine Kronentaler

wollte er eine tauglichen Kuckuck besorgen. Einen halben Taler Vorzahlung als Wegzehrung in der Tasche

rief er in Hesborn auf der Straße: "Heißa! Der Kuckuck, der Kuckuck soll leben! Es lebe der Kuckuck

und Hesborn daneben!" Die Hesborner Einwohner reagierten aber sauer auf seine Worte, weil sie überall mit dem Kuckucksruf

geneckt wurden. hatte doch an einem schönen Frühlingsmorgen, als im nahen Wald ein Kuckuck seinen Ruf ertönen ließ,

ein pflügender Bauer Pferd und Pflug stehen lassen und war auf einen Baum geklettert, um beim Wettkampf  im

Kuckuckrufen seien Hesborner Vogel gegenüber hessischen Artgenossen zu unterstützen.  

Mit Dreschflegeln und Mistgabeln verjagte die in ihrer Ehre gekränkte Dorfjugend den fremden Eindringling.

Auf dem Heimweg nach Heinsberg machte er sich Gedanken, wie er an das restliche Geld kommen könnte.

Ein Soldat darf nicht verzagen. Er stieg auf einen hohen Baum vor dem Dorf und rief den heilen Tag:

"Kuckuck, Kuckuck!" , bis er heiser wie eine Krähe war.

Im Dorfe hörte man den Kuckucksruf und jeder reagierte auf eine andere Art und Weise. Der Gemeinderat

freute sich, dass der Schnee nun schnell weg ginge, dass Frühjahr käme und die Wiesen grün würden.

Stoffel und Wilm, zwei, die oft im Wirtshaus anzutreffen waren, freuten sich, als sie beim ersten Ruf in ihren

Taschen noch ein paar Stuiwer fanden. "Niu he vy doch dat ganze Johr Geld. Dodrop we vy ennen drinken."

Die ergraute Marie-Christine nuschelte durch ihre Zahnlücken: "Kuckuck, Kuckuck, sieg my wohr, wiuviel Friggers

in diesem Johr?" Als der Ruf nicht aufhörte, wurde es ihr doch etwas unheimlich. Das junge, hübsche Mariechen fragte

so aus Langeweile: "Kuckuck! Sieg my ohne Spott, wiuviel Johr iek wachten matt!" Beim vielen zählen wurde sie ganz traurig

und fing fast an zu weinen. Hätte sie nur das fragen gelassen! Der Küster fragte auch nach Hochzeiten und Taufen und

freute sich riesig, dass es ein fruchtbares Jahr geben sollte. Stimmte es doch überein mit dem Ginster, der im letzten Jahr so

stark geblüht hatte. So gab der Kuckuck auf vielfältige Fragen guten Bescheid, Außer Mariechen freute sich das ganze Dorf.

Nach ein paar Stunden, als der Soldat schon ganz heiser vom vielen Rufen geworden war, ging er zum Schultheiß und forderte

den fälligen halben Thaler. Auf die Frage: "Wo giäst diu ne?" Kam die Antwort: "Als ich auf die Heinsberger Drift kam

und der Kuckuck den vielen Schnee sah, konnte ich ihn nicht länger halten. Er flog auf eine Birke und machte sich gleich an die Arbeit.

Ihr sollt sehn, in drei Tagen sind die Berge grün!" Der Dorfschulze glaubte ihm und gab noch eine Belohnung hinzu.

"Schönen Dank", sagte unser Soldat und ging in den nächsten Tagen aus Heinsberg fort. den Kuckucksruf hörte man natürlich

 auch nicht mehr. Die Berge behielten ihre weiße Wintermütze auf dem Kopf, und erst Johannestag gab es Tauwetter. Die

Felder blühten, die Vögel fingen an zu singen, die Frauen gingen in die Gärten.

Der Gemeinderat debattierte und meinte der Kuckuck habe seine Pflicht nicht erfüllt. Man fragte sich, ob es überhaubt

ein richtiger Kuckuck gewesen sei. Stoffel und Wilm hatten das ganze Jahr Lichtmeß in ihren Taschen. Als ihre Kreide zu lang wurde

und sie dennoch nicht bezahlten, wurden sie aus dem Wirtshaus geworfen. Alle Schuld hatte der Kuckuck. Marie-Christne

wartete das ganze Jahr auf ihre Frigger. Auf dem Schützenfest, als alle anderen Mädchen wie die Mücken tanzten, blieb sie auf der

langen Bank sitzen. Sie war wieder einen Jahrgang tiefer ins alte Buch gekommen und verfluchte den Kuckuck in Grund und Boden.

Der Küster der manchen Hochzeitsthaler und Taufgroschendurch die Finger hatte gleiten lassen, ehe er ihn besaß, konnte nur

eine Geburt vermelden. Mit seinem Küsterlatein am Ende zweifelte er an Kuckuck und Ginster. Nur Mariechen hatte gut Lachen.

Hatte doch der schwarze Krauskopf, der Sohn des reichsten Bauern, um ihre Hand angehalten. Hochzeit sollte im nächsten Jahr sein.

Auf der nächsten Versammlung beschloß der Gemeinderat: "Doi Kuckuck van diesem Johre deoget nix. Hoi wärt awsat un fiär

vyuelfry iutraupen. Doi alle Zoldote, doi de Gemoinde bedraogen giät, sall fiar aiwige Tyen iutem Duarpe verschwingen.

Dofiar sall uns klauke un bibelfaste Kiarkenviarsteher Hangeost ernannt weeren, jedes Froihjohr, seo imme dian hallewen

April rimme, iut Hespern en dichtigen Kuckuck zu guallen. Neotfalls sall hoi sälläwär ännen iuthurken. Van Rechten wiägen."